Carrie Bradshaw- the New York Girl in Corona Times

Ein Blick durch das Schlüsselloch bei Carrie und Co.

Wie geht es wohl Carrie? (Artwork von Tini one and only)

„Wo bleibt der Glamour im Dschungel?“ fragte mich gestern Glossy Gerda. Und wie würde es Carrie gehen? Ja, was würden unsere alten Heldinnen aus Sex and the City in der Zeit von „Social Distancing“ wohl machen?
Mein Kopfkino hielt mich Stunde um Stunde wach. Daher hier eine imaginäre, wehmütige Situationsbeschreibung unserer „fabulous four“ in Zeiten von Covid-19.

Bei Carrie gibt es gerade kein „Sex in the City“

Carrie langweilt sich und vermißt ihre Mädels unendlich. Sie sitzt meist allein in dem großzügigen Apartment, welches sie und Mr. Big vor drei Jahren bezogen haben. Sie ertappt sich wie sie dem fabelhaften Penthouse an der Upper Eastside nachtrauert, das sie und Big nach dem mißglückten ersten Hochzeits-Anlauf aufgegeben haben. Es hatte diese fantastische Dachterrasse, ein schier unglaublicher Luxus in NYC. Nicht zu vergessen dieser großartige, erhabene Blick auf den Central Park. Sie schüttelt sich unwillkürlich als ihr klar wird, dass es im Central Park momentan Feldlazarett-Zelte für die zahlreichen Opfer des Virus gibt. Vielleicht doch nicht so schlimm, das Elend nicht ununterbrochen beim Rauchen im Liegestuhl vor der Nase zu haben.
Natürlich raucht sie noch, aber sie fühlt sich meist schlecht dabei. Die Arbeit an Ihrer Kolumne kann sie im Moment auch nicht trösten, denn sie liegt auf Eis. Das Thema „Sex in the City“ wäre gerade nicht wirklich angebracht und würde die Menschen bei den aktuellen Problemen auch nicht interessieren. Es wäre geschmacklos über Dinge wie Sex und Dating zu schreiben. Carrie solle sich mal etwas „Substanzielleres“ ausdenken wie eine seriöse Journalistin. Eine fatale Fehleinschätzung, findet Carrie, gerade jetzt, wo es wenig zu Lachen gibt, bräuchten die Menschen mal etwas leichtgängigen, amüsanten Lesestoff der sie daran erinnert, dass nicht alles im Leben schwer und ernst ist und dass der Sex und die Stadt nicht tot sind. Sie schüttelt dabei ihre Locken. Wie ignorant zu denken, dass es pietätlos sei, den Menschen gerade jetzt etwas von den prickelnden Seiten des Lebens zu berichten.

Mr. Big hat zu kämpfen (Artwork von Tini one and only)

Mr. Big träumt von Kalifornien

Big ist die meiste Zeit unterwegs – mal im Büro, mal in der Börse. Er kämpft, denn es gab im Finanzmarkt herbe Verluste als die Börse abgeschmiert ist. Er hat viel Geld verloren und muss dafür sorgen, dass es nicht noch mehr wird. Sein Weingut in Nappa hat er schweren Herzens und weit unter Preis verkauft. Er selbst kann nicht nach Kalifornien fliegen und im Moment gibt es kaum Leute, die die Reben pflegen, geschweige denn die Trauben lesen könnten. Er schluckt und fühlt einen Kloß im Hals. Er denkt daran, wie er noch im letzten Herbst mit Carrie selbst zur Weinlese geflogen war. Sie waren so wunderbar albern gewesen und hatten sich voller Eifer gegenseitig mit den übrigen überreifen Trauben beworfen bis sie sich schließlich in der alten Remise auf ihre spezielle Art versöhnt hatten. Hilft nichts. Weitermachen und jetzt hier die Kuh vom Eis – besser gesagt Finanzparkett – holen. Er richtet sich kerzengerade auf. Keine Zeit für Tagträume!

Miranda verflucht ihr home-office (Artwork von Tini one and only)

Miranda ist unglaublich genervt: Homeoffice ist das Letzte

Brady geht jetzt seit fünf Wochen nicht mehr zur Schule. Mit seinen gerade mal acht Jahren kann man natürlich nicht erwarten, dass er selbstständig lernt, ermahnt sich Miranda zur Geduld. Digitales Lernen ist auch noch alles andere als ausgereift. Steve hat heldenhaft angekündigt sich komplett alleine um die Betreuung seines Filius zu kümmern, damit Miranda den Rücken frei hat und ungestört ihre zahllosen Videokonferenzen abhalten kann. Er ist jetzt auch zuhause, denn natürlich hat die Bar, welche er mit Aidan führt, schließen müssen.
Den armen Aidan hatte es ganz zu Beginn erwischt. Ganze 21 Tage mußte er im Mount Sinai Hospital versorgt werden. Gottlob aber blieb ihm eine Beatmung erspart. Die armen Teufel, denen es schlechter erging, kamen ja selten lebend wieder aus dem Hospital heraus. Miranda erschauert, als sie daran denkt, dass es genauso gut Steve hätte treffen können. Nichtsdestotrotz nervt sie die permanente Anwesenheit von Steve fast genauso wie die Tatsache, dass er seinen alten Schlaf-Rhythmus beibehält. Er sieht bis drei Uhr morgens fern und macht die Nacht zum Tag. Vor dem Mittagessen am nächsten Tag ist er dann allerdings zu nichts zu gebrauchen. Wenn er endlich geruht aufzustehen, schafft er es nicht vorm frühen Abend in etwas anderem als seiner Unterhose durchs Haus zu springen. Fatal, als er neulich während des virtuellen Partnermeetings in ihr Arbeitszimmer geplatzt war, weil er seine Brille gesucht hat. Das würde sie sich noch in zwei Jahren anhören können. Miranda seufzt. Wieder mal bleibt alles an ihr hängen. Sie sieht aus dem Fenster, dankbar für das Stück Garten, dass zu Ihrem Häuschen in Brooklyn gehört. Moment. Ist das Brady, der da in schwindelerregender Höhe von der alten Eiche hängt, bereit sich in die Pfütze darunter platschen zu lassen? Verflixt, wo zum Teufel steckt Steve schon wieder?

Samantha muss sich von einem treuen Freund verabschieden (Artwork von Tini one and only)

Samantha vermisst die Hühner. Ja, die anderen auch

Samantha ist schrecklich einsam. Welch ein Fehler Smith Jarrod in Malibu zu verlassen und in ihr Apartment im angesagten Meatdistrikt in Manhattan zurückzukehren. Angesagt! Tja, das war einmal, denkt sie bitter. Da saß sie nun und nicht mal mehr die Bordsteinschwalben waren noch auf der vereinsamten Strasse vor ihrem Fenster unterwegs. Sie kann sich nicht erinnern, das sie je einen ganzen Tag in einem ausgeleierten alten Baumwollschlafanzug zugebracht hätte. Himmel, sie wußte gar nicht, dass sie so etwas besaß!
Jetzt da ihre Marketingagentur bis auf weiteres geschlossen hatte, war das allerdings zu ihrem täglichen Outfit geworden. Zorn steigt in ihr auf. Sie hatte nicht diesen gräßlichen Krebs besiegt, um jetzt durch das Corona Virus alleine zu verrotten. Sie war schließlich in die Stadt zurückgekommen um wieder zu leben!
All diese fantastischen New Yorker Männer, diese zahllosen Gelegenheiten für prickelnde One-night Stands. Wenn sie hier endlich aus dieser verfluchten Quarantäne kam, wäre sie wahrscheinlich schon eine sexuell uninteressante Greisin. Tränen steigen ihr in die Augen. Zu allem Unglück war heute morgen auch noch ihr heißgeliebter Vibrator kaputt gegangen und bei den Onlinebestellungen gab es gerade massive Lieferverzögerungen. Gestern Abend fand der Portier sie peinlicherweise auf dem Boden des Aufzugs in der Lobby, wo sie ganz offensichtlich geschlafen hatte. Sie war sturzbetrunken gewesen und wollte eigentlich nach oben auf die gemeinschaftliche Dachterrasse fahren, wo vor einigen Jahren noch die Hühner der Tierpraxis ihren Stall hatten. Was hatte sie sich damals aufgeregt über diesen schrecklichen Hahn, der jeden Morgen pünktlich um 4:30 Uhr zu krähen angefangen hat. Dieses alte Mistvieh!
Jetzt allerdings hätte sie sich fast gefreut, wenn sie mit ihrer Flasche Wein in der Hand dem Federvieh auf der Terrasse beim Scharren und Picken hätte zusehen können. Wenigstens ein Stück unbeeindruckte Normalität, ein wenig Sicherheit vermittelnde Konstanz. Gepaart mit der charmant unschuldigen Unwissenheit der dummen Hühner. Von da oben konnte sie bis auf die göttliche Dachterrasse von Richard Wright sehen. Was waren das für leidenschaftliche Stunden gewesen in seinem Pool. Richard war ein unerträglicher Lügner, aber auf ihrer Unterlippe kauend gesteht sich ein, dass sie mittlerweile verzweifelt genug war, in jetzt sofort in ihr Bett zu lassen. Komm schon rüber, Richard!

Charlotte hasst ihr Leben zurzeit (Artwork von Tini one and only)

Charlotte bedauert es in der Krise Personal zu haben

Charlotte auf der Upper Eastside versucht scheinbar unbeeindruckt die gerade gelieferten und sündhaft teuren Freesien in eine edle Vase aus Muranoglas zu arrangieren. Sie ist der festen Überzeugung, dass man nach wie vor auf alle Kleinigkeiten achten sollte und sich keinen Millimeter gehen lassen darf. Sonst würde man die Kontrolle über sein Leben verlieren in Zeiten wie diesen. Aber nicht mit Charlotte York!
Um Himmelswillen, die Mädchen toben ja schon wieder durch den Flur, um ein Haar hätten sie die Vase umgemäht! Charlotte unterdrückt einen aufsteigenden Schreikrampf. Wo zum Teufel ist dieses unnütze Kindermädchen? Die junge Philippin verfügte nun über ein eigenes Zimmer in der außergewöhnlich großen Wohnung, die Charlottes ganzer Stolz war und alles was von ihrer Ehe mit Troy McDougal übrig geblieben war. Harry und sie hatten das Kindermädchen zu Beginn der Krise nicht auf die Philippinen zurückgeschickt, sondern aus humanitären, und auch durchaus egoistischen Gründen, wie sich Charlotte leise eingestehen musste, bei sich einziehen lassen. Nur hatte das junge Ding die Kinder nicht im Griff und schien sich immer in irgendwelchen Ecken des Apartments zu verstecken, von wo aus sie stundenlang nach Manila telefonierte. Charlotte seufzte. War es vielleicht doch ein Fehler gewesen das Mädchen aufzunehmen, zumal Harry nur sehr schwer von seiner alten Gewohnheit nackt in der Wohnung herumzuspazieren abzubringen war?
Harry ging zudem momentan kaum in seine Kanzlei. Seine Meetings und Besprechungen mit Klienten hielt er nur online ab. Obenherum mit Hemd und Krawatte topseriös gekleidet, wie man es von einem Anwalt mit seinem Stundensatz erwarten durfte, lief er unten herum allerdings gerne allzu freizügig herum. Um ehrlich zu sein, mit weniger als einer Unterhose an. Man würde das auf dem Monitorbild ja nicht sehen, argumentierte er. Charlotte wandte wutentbrannt ein, dass man allerdings sehr wohl etwas auf dem Polster des edlen weißen Wildlederstuhls sehen könne, den Harry für seine Video Konferenzen bevorzugte. Was für eine unhygienische Unsitte! Und wenn das Kindermädchen ihn so sähe? Wann würde sie nur endlich ihre Galerie wieder öffnen können um diesem Wahnsinn zu entkommen?

Carrie versucht die Situation zu überstrahlen (Artwork von Tini one and only)

Die Stadt, die niemals schläft macht ein Nickerchen

Das Licht wird allmählich sanfter und gedämpfter draußen. Seltsam, denkt Carrie, wie unheimlich still diese Stadt geworden ist. Als wäre sie blutleer und nur noch eine leise Erinnerung an sich selbst. Sie fühlt sich selbst unwirklich und bohrt sich einen Fingernagel in den Handballen, nur um sich selbst zu spüren. Dann hört sie einen Schlüssel im Schloss. Endlich kommt Big nachhause. Schnell schlüpft sie in ihre gelben Manolo Blahnik Riemchensandalen und springt in die Küche um den Weisswein zu öffnen.
Verstohlen macht sie noch ein kleines Kreuz auf einem kaum sichtbaren Papierfetzen an der Seite des Kühlschranks. Tag 43. Wieder ein Tag um. Sie fährt sich rasch mit den Fingern durch die Locken und versucht sich ihr strahlendstes Lächeln ins Gesicht zu zaubern….

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