Ist ein Belfie glamourös? oder: Wozu die Coronakrise selbst Feministinnen verleitet

Text: glossygerda

Beim täglichen Durchblättern meiner heißgeliebten New York Times, stolperte ich über The Joy of Perfecting the Sexy Selfie, in dem die Autorin Aminatou Sow der Frage nachgeht, wie frau das gelungenste Foto von ihrer Rückansicht kreiert.

Für die New Yorker Autorin und Bloggerin ist das neuentdeckte Hobby Teil der Bewältigungsstrategie in der Coronakrise: erst kommt die Angst, dann die Verdrängung, danach die Begierde, Weisheit, Schlaflosigkeit und schlussendlich Depression.

Demnach befinden wir uns gerade glücklicherweise noch ein paar Schritte von der Depression entfernt in der Phase der Begierde. Und just hier bekam die Single-Autorin auf ihr Smartphone Textnachrichten wie „What r u wearing?“ Ihrer Meinung nach reichlich schockierend, daß Männer selbst „In. A. Pandemic.“ noch so schreiben. Dennoch inspirierten sie die Texte dazu, wie sie zugibt, auf unerklärliche Weise zu googeln, wie man das perfekte Po-Selfie macht – und, ja, das Internet ist voller Belfie-Tipps.

Obwohl Aminatou Sow sich selbst als „unapologetic feminists who support everyone’s right to autonomy over their own body“ in ihrem Blog Call Your Girlfriend bezeichnet – sie ist daneben Begründerin des globalen Netzwerks Tech LadyMafia – frage ich mich:

Geht es dem Feminismus wie dem Klimawandel in der Corona Pandämie?

Sind beide das Opfer der Krise?

Photo: Historische Druckillustration ‘Sartjee the Hottentot Venus’. Credit: Wikimedia Commons.

Werden Themen wie MeToo und Sexismus verdrängt von Panik, Müßiggang oder Verzweiflung?

Im NY Times Artikel gibt die Autorin eine eher lapidare Begründung für ihr neues Hobby:

“Some people are raising little sourdough bread children. I am learning photography. Learning is learning.”

Geht es also nur darum aus Langeweile in der Coronakrise etwas Neues zu lernen?

Nachdem ich selbst dazu bereit war meinen Horizont in Sachen Belfie – so sagen es die Amerikaner- oder Bum Selfie – so die Briten, zu erweitern, kann ich ein relativ aktuelles YouTube Tutorial der israelischen Pole-Tänzerin Gal Bepole empfehlen: Hier lernt frau in wenigen, gut erklärten Schritten, wie man die Kamera positioniert, die Beinstellung, die Arme, die Drehung der Hüften und der Schultern – und nicht vergessen: Po anspannen!

Aminatou Sows glamouröse Belfie Tipps: Nur Übung macht den Meister!

  • Butt selfies erfordern Charisma, Einzigartigkeit, Nerven und Talent ( und Respekt vor  den Drag Queens in “Drag Race”)
  • Es gibt keine Standard-Belfie-Pose, aber sich auf den Bauch legen und den Rücken so durchdrücken, dass der Po nach oben zeigt, ist schon mal ein guter Anfang.
  • „This is all very hard work, but practice makes perfect“.

Für Sex and the City-Fans:
Hätte Carrie Mr. Big ein Belfie in Corona Times geschickt?
Ich würde mal sagen: „Absofuckinlutely!“

Photo: Sarah Jessica Parker und Chris Noth alias Carrie und Mr. Big

Geschichtliches zum Weiterschmökern :
From Baartman to ‘Belfie Queens’: The Evolution of the Big Booty

Bezwing den Dschungel! Mach den ersten Schritt!

Illustration glossygerda (2019)

English Version

Als brave Bürgerin muss ich, ganz klar, jedes jahr eine Steuererklärung machen, laufend Rechnungen bezahlen, alle möglichen Formulare ausfüllen und so weiter und so fort… Und kaum bin ich mit einer nervigen Sache fertig bin, kommt der nächste Papierkram auf mich zu. Ach ja, und da liegen ja noch etliche ungeöffnete Briefe auf meinem Schreibtisch, die mich fast schon anzustarren scheinen, wenn ich an ihnen vorbeischleiche.

photo by Gen Hagiwara
photo by glossygerda

Kann sein, dass mich dann so ein kleines Dschungel Trauma befällt: Meine Schuldgefühle verwandeln sich in Äste und Lianen, die mich umschließen, zu Boden drücken und am Ende bin ich in völliger Schockstarre. Wie eine Tigerin erstarre ich vor der Giftschlange.

Klingt das vertraut?

Nun, über die Jahre habe ich eine Methode verinnerlicht, die wirklich klappt, und die basiert auf der Erkenntnis, daß jede Reise mit dem ersten Schritt beginnt. Mein erster Schritt ist es, den ersten Briefumschlag zu öffnen. Mehr braucht es nicht. Der nächste Schritt, nämlich Umschlag Nummer zwei zu öffnen, geht schon schneller. Mit jedem geöffneten Brief wird mein Herz leichter und leichter.

Leicht gesagt, aber nicht so leicht getan

Ich weiß aus Erfahrung, es mag jetzt machbar klingen, aber so einfach ist es dann doch nicht. Zu leicht verfällt man in Übersprungshandlungen, will Geschirr spülen oder staubsaugen. Hier ist es besser eine kurze Achtsamkeitsübung einzuschieben oder sich vorzustellen, wie man sich fühlt nach dem ersten Schritt, nämlich leicht und entspannt. Du findest Dich mitten Im Dschungel wieder und kennst Deinen Weg – siehst vielleicht sogar exotische Blumen und die Sonnenstrahlen, die durch das Dickicht blitzen.


Entspannende Atemmediationen gibt es online bei UCLA Mindful Awareness Research Center oder bei Relaxation Room der Harvard Universität/ Cambridge, USA


Ich wende die Strategie des ‚ersten Schrittes‘ in vielen Lebensbereichen an, sei es bei kreativen Tätigkeiten wie Malen oder in meinem Studium als Journalismus Studentin an der Harvard Universität.

„Hohe Ziele starten mit dem ersten Schritt…

erstaunlich wieweit er Dich bringen kann.“

Wo bleibt der Glamour im Dschungel?

Photo by xploitme, 2010

Kolumne/ Text: glossy gerda

English Version


Bin ich ein Underachiever und wie würde es Carrie gehen?

Ja, es gibt ihn noch den Glamour – ganz einfach weil jeder Tag reinster Glamour ist:
Wir erwachen und haben satte 86.400 potentielle Glücksmomente vor uns – und das Tag für Tag. Nach Abzug des individuellen Schlafbedürfnisses bleiben noch etliche Glückssekunden übrig – wieviele wir tatsächlich genießen, ist uns selbst überlassen.

Und während die Coronakrise so manchen kreativen Geist zu wahren Meisterleistungen beflügelt, gibt es andere, die diese befremdende Situation zeitweise völlig überwältigt hat.

ich bin nicht allein

Aus der Seele sprach mir eine Text von Hattie Crisell in der Vogue UK – und jetzt weiß ich auch, was ein sogenannter underachiever, also ein ‚Minderleister‘ in Coronazeiten ist. Statt voller Elan zu backen, kochen, basteln und tonnenweise Blogposts rauszuhauen, hatte auch ich ein Empfinden von Unwirklichkeit, konnte die Veränderungen in meinem Leben gar ncht so schnell verarbeiten. Eine Zeitlang schaffte ich nichts außer grübeln und Ideen sammeln, setzte aber kaum etwas davon um. Jetzt langsam habe ich mich mit meinem derzeiitigen Leben arrangiert und es ist auch wieder Platz für Kreativität, Schreiben, Malen und gerne auch mal Chocolate Chip Cookies backen. Gestört hat es mich nie, denn es geht nunmal um Gesundheit und Menschenleben, und nicht darum das Maximum an kreativer Power aus dieser Zeit herauszuholen.

Was hätte Carrie wohl gemacht?

„…es geht nicht um das Maximum an kreativer Power…“

So oder ähnlich hätte vielleicht auch Carrie Bradshaw ihre ‚Sex and the City‘-Kolumne begonnen. Ich stelle mir vor, dass sie auf dem Bett ihres kleinen New Yorker Appartments kauert, den Laptop vor sich sinnierend aus dem Fenster blickt und dann betrauert, dass sie sich seit Wochen nicht mit Charlotte, Samantha und Miranda treffen kann – und dass ihr geliebter Manolo Blahnik Store geschlossen ist. Je nach Staffel hätten wir von heißen Telefonaten mit Mister Big oder Aidan erfahren oder von heimlichen Treffen mit einem der Herren.

Ich weiß, die Geister scheiden sich hier und ich gebe gerne zu, dass Aidan toll war – aber wie für Carrie war es auch für mich immer Mr. Big …

Hier gehts zum Beitrag in der Vogue UK:
A Little ‘Everyday Creativity’ Can Help You Get Through Lockdown

Traum oder Alptraum digitale Bohème? Aus dem Leben einer Fashiondesignerin

Was ist die digitale Bohème?

Vor über zehn Jahren beschrieben die beiden Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ die Arbeitswelt der „Digitalen Bohème“. Sie machten eine neue Spezies von Kreativen und Selbstständigen aus, die mit Hilfe neuer Technologien ortsungebunden arbeiten und somit selbstbestimmter leben. Als Vision wurde eine Vernetzung dieser kreativen Gemeinde zu einem leistungsstarken Kollektiv jenseits der Festanstellung aufgezeichnet.

Wahre Begeisterung (Artwork by Christine Dahlmanns)

Die Ästhetik des Mülleimers

Ich kenne Iris jetzt seit über 20 Jahren. Sie ist genial, die beste Modedesignerin, die ich kenne und dank meines langjährigen Weges in der Modewelt kenne ich einige Designer. Sie ist innovativ, begeisterungsfähig, sehr begabt und arbeitet seit Jahrzehnten selbstständig. Ihre ganze DNA scheint nur aus Farben, Stoffen und den neusten Modetrends zu bestehen.

An einer Bushaltestelle auf der Donnersberger Brücke in München geht sie zum Beispiel vor einem abgeblättertem alten Mülleimer andächtig in die Knie und schwadroniert begeistert von seinem Vintage-Camouflage Dessin welches „total hip“ wäre. Ich stehe leicht bedröppelt neben ihr und mir wird mal wieder klar, daß mir einfach die nötige Genialität fehlt um dieses trendweisende Gebrauchsobjekt als solches zu dechiffrieren und im Anschluss daran auch angemessen zu würdigen. Die 9 anderen Menschen, die mit uns an der Haltestelle stehen spiegeln meinen verständnislosen Gesichtsausdruck wieder, wobei bei den meisten noch ein kleiner Anflug von Panik zu erkennen ist angesichts meiner enthusiastischen im Strassendreck knieenden Freundin, welche sich ganz offensichtlich im Zwiegespräch mit einem Mülleimer befindet.

Die Freiheit des neuen Arbeitens (Artwork by Christine Dahlmanns)

Wie wird man zum Mitglied im Club ? Ein Fallbeispiel

Über die Jahre international unterwegs, Jobs in Frankreich, Schweiz oder den Niederlanden war Iris prädestiniert als Mitglied der digitalen Bohème. Zumal sich auch der Workflow vom künstlerischen Entwurf auf dem Papier (man kennt die hübschen Modezeichnungen von Wolfgang Joop – und ja, Iris kann das genauso gut) hin zu sogenannten „flats“, vektorialen Skizzen eines flach auf dem Boden liegenden Kleidungsstückes, erstellt in einem Grafikprogramm, entwickelte. Das Arbeitsgerät wurde immer kleiner und Iris konnte sich sehr bald ihr geliebtes Mac-Book unter den Arm klemmen. Hurra, diese Freiheit! Diese Unabhängigkeit! Ich kann von überall aus arbeiten! Im Café, am Badesee, in meiner Ferienwohnung in Nizza, in der Sauna….naja, fast.

Man muss Prioritäten setzen! (Artwork by Christine Dahlmanns)

Die verzwickte Sache mit der Freiheit

Das die Geschichte mit der vermeintlichen Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist verdeutlicht eine kleine Anekdote, die bereits einige Jahre zurück liegt. Meine Hochzeit sollte in Zanzibar stattfinden und Iris als meine Trauzeugin nahm gerne den weiten Weg nach Afrika auf sich, da sie ja „selbstbestimmt und überall arbeiten könne“. Das klitzekleine Problem ist nur, dass sie das auch so an die Modefirmen transportiert hat und sie fortan einfach auch überall arbeiten musste. Das Wort „Urlaub“ ist im Business als Selbstständiger ja sowieso ein ähnliches Schimpfwort wie „Wochenende“. Es ist tatsächlich ja auch egal wo man ist, Hauptsache man ist toujour erreichbar und liefert. So saß also Iris am Tag meiner romantischen Trauung unter Palmen noch vormittags am Pool und arbeitete hektisch unter enormem Zeitdruck an einer Kollektion, weil sie ja den Nachmittag ausfallen würde. Sie hatte sich mit Sonnencreme eingeschmiert in ihrer Hektik aber vergessen sich diese im Gesicht auch einzureiben. Verwundert betrachteten andere Reisende die offensichtlich schwer gestresste Iris mit ihrem komplett weißen Gesicht. Auf meinen dezenten Hinweis bemerkte sie nur mürrisch, dass sie unmöglich mit ihren Fingern diese Creme verteilen könne, weil dann das Mac Book leide und am Ende nicht mehr funktionieren würde und sie dann nicht mehr ARBEITEN könne. Heroisch saß sie also die irritierten Blicke ihres Umfeldes aus. Fünf Minuten vor der Trauung war sie auch da, ohne Sonnenmilch im Gesicht, chapeau! Während eines privaten Insel-Ausfluges im Rahmen der Feierlichkeiten blieb Iris allerdings sowohl bei der Gewürzplantage als auch beim altehrwürdigen Markt lieber alleine im alten VW Bus ohne Klimaanlage sitzen, als ihr Notebook wahlweise alleine im Hotel oder im Auto zu lassen, oder es gar der Gefahr auszusetzen außerhalb des faradayschen Käfigs geklaut zu werden. Am Schreibtisch wäre das zumindest kein Thema gewesen.

Digitaler Eskapismus (Artwork by Christine Dahlmanns)

Cuba libre!

Über die revolutionären Vorteile der Digitalisierung brauche ich hier nicht sprechen, auch der Traum vom ortsungebundenen und freien Arbeiten ist erstrebenswert. Ich selbst könnte mir nicht mehr vorstellen anders zu leben. Und mit mir sind es knapp 1,5 Millionen Selbstständige und somit gut 500 000 mehr als noch vor 10 Jahren. Gerade in den freien Kulturberufen und dem Beratersegment boomt dieses Modell. „Die digitale Boheme verzichtet dankend auf einen Anstellungsvertrag und verwirklicht mittels neuer Technologien den alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten“ wie es bei Sascha Lobo so schön hiess. Frei nach Brecht ist das Credo der Solo-Selbständigen „ich will unter mir keine Sklaven haben, über mir keinen Herren“. Doch wenn Du Dein eigner Herr bist, sei dir doch wenigstens manchmal ein guter Herr!

Michael, der Mann von Iris scannt nun seit einigen Jahren jedes Jahr den Globus mit dem Anspruch neue Ecken ohne durchgängiges W-Lan oder Internet Cafes zu finden. Die beiden sind die letzten drei Jahre nach Kuba gefahren. Iris ist hier in der Lage ihren Kunden einigermaßen glaubhaft zu versichern, dass es kaum W-Lan gäbe und sie so leider, leider die nächsten zwei Wochen nicht arbeiten könne.

Die Serengeti ist auch noch ganz gut. Oder der Himalaya?